Tereza Vanek

Romantik & tiefe Gefühle

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Das vergessene Erbe

Sarah Walter steht wieder einmal vor den Scherben einer gescheiterten Beziehung und ihre Karriere als Modedesignerin will auch nicht so recht vorankommen. Um ein paar Tage ausspannen zu können, nimmt sie daher erleichtert die Einladung ihrer Großtante an. Auf deren Speicher stößt sie auf die Hinterlassenschaft einer Vorfahrin, die zu Lebzeiten eine kleine Berühmtheit war. Antonia Walter, Sozialistin und Suffragette, verbrachte fast zwanzig Jahre im zaristischen Russland. Sarah kannte sie bisher nur als Verfasserin eines politischen Buches. Nun entdeckt sie Hinweise, dass ihre Vorfahrin unter den Folgen einer verbotenen Liebe litt. Neugierig fliegt sie nach Russland, um nach weiteren Spuren zu suchen. So wird Sarah in ein Abenteuer verstrickt, das sie mit ihrer ersten Jugendliebe zusammenführt und sie die Tiefen echter Leidenschaft entdecken lässt.

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    Tereza Vanek

Vita

Tereza Vanek wurde in Prag geboren, wuchs in München auf und ist seit 2007 veröffentlichte Autorin. Den Traum vom Schreiben hatte sie schon mit 14, doch musste sehr viel Zeit vergehen, bis er wahr wurde. Vorher studierte sie Anglistik, Romanistik und Slawistik, lebte einige Zeit im Ausland und suchte nach dem richtigen Beruf. Der Drang, Romane zu schreiben, kristallisierte sich bald schon als wesentliches Lebensziel heraus, sodass sie sich ernsthaft um eine Veröffentlichung zu bemühen begann. Nach dem Erstling „Schwarze Seide“ erschien jährlich ein weiterer Roman aus dem historischen Genre. Ihr besonderes Interesse beim Schreiben gilt historischen Ereignissen, ungewöhnlichen Frauengestalten und der Begegnung von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Ansonsten wohnt sie wieder in München mit Mann, vier Katzen und fünf Papageien.

Weitere Bücher aus diesem Genre

Leseprobe

Antonia Walters Tagebuch
19. Mai 1904

Als ich aus dem Zug stieg, atmete ich sommerliche Wärme ein und staunte über die Pracht des Bahnhofsgebäudes, seine hohen Hallen, Stuckwände und Glasfenster, die an einen von Menschenmassen überrannten Palast erinnerten. Onkel Theodor hatte mich noch am letzten Abend vor meiner Abreise daran erinnert, dass ich in ein barbarisches Land des ewigen Frostes unterwegs war. Nun schwitzte ich fast in meiner hochgeschlossenen Bluse, genoss für einen Moment die von einem auf dem gegenüberliegenden Gleis abfahrenden Zug aufgewühlte Luft, die durch meine zerknitterte Frisur fuhr.
   »So, jetzt sind wir am Ziel. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Fräulein Walter«, sagte der grauhaarige Anwalt aus Regensburg, der seine in Russland verheiratete Tochter besuchte, und reichte mir meinen Koffer, den er höflicherweise für mich aus dem Zug getragen hatte. »Sie werden hier sicher viele aufregende Dinge erleben«, fügte er mit einer höflichen Neigung des Kopfes hinzu.
   Ich fragte mich, was er sich unter aufregenden Erlebnissen für mich vorstellte, aber meine Aufmerksamkeit wurde sogleich von anderen Dingen beansprucht. Ein breitschultriger Mann in einem weißen übergroßen Hemd und einem Bart, der bis zu seinem Gürtel hinabhing, verkaufte Teigtaschen, deren Geruch meinen Magen zum Knurren brachte. Während meiner Reise hatte ich mich hauptsächlich von Brötchen und Kaffee ernährt. Ein Stück neben mir wartete eine in Seide und Spitze gehüllte Dame, auf deren Hut sich die Federn wie Schilf im Wind bewegten, bis ihre etwa zehn Koffer abgeladen waren. Livrierte Diener trugen sie im Gänsemarsch fort, während ein Herr im Frack der Dame seinen Arm anbot. Französische Worte drangen an mein Ohr, und ich erinnerte mich an die Aussage des Anwalts, dass russischer Adel kaum russisch sprach.
   Von hinten rempelte mich eine rundliche Frau mit einem verschlissenen Strohhut an, während sie eine unübersichtliche Schar von Kindern vorwärtstrieb. Die aus ihrem Mund rollenden Worte machten mir endgültig klar, dass ich mich in einem Land befand, dessen geläufigste Sprache mir völlig fremd war. Ich zerrte meinen Koffer weiter, dessen Griff in meine Handfläche zu schneiden begann, und ließ meinen Blick durch die Menge schweifen. Jemand musste hier sein, um mich abzuholen, doch wusste ich nicht, nach wem ich suchen sollte.
   Ich lehnte mich gegen eine Wand und ließ Menschen an mir vorbeilaufen, plappernde Familien, Militärs in Uniform, ältere Damen, die Schoßhunde auf dem Arm trugen. Ihre Stimmen vereinigten sich zu einem Surren, Zischen und Fauchen. Entschlossen, keinesfalls die Nerven zu verlieren, kramte ich den letzten Brief des Fürsten Wolgorin, in dem mir bestätigt worden war, dass er sich von allen Bewerberinnen für mich entschieden hatte, aus meinem Ridikül. Meine Zugfahrkarte hatte ich in demselben Umschlag vorgefunden, aber leider keinen einzigen Hinweis, wer mich am Bahnhof erwarten würde. Die Wolgorins besaßen eine Fotografie von mir, versuchte ich, mich zu beruhigen, doch diese war leider schon ein paar Jahre alt. Der Fotograf hatte mehr Wert darauf gelegt, mich als verträumte Schönheit mit Knospenmund abzulichten, denn mein gewöhnliches Aussehen einzufangen.
   Ob ich meinen Namen rufen sollte? Damen schreien nicht herum, mahnte die Stimme von Tante Elsa in meinem Kopf. Ganz besonders nicht in Russland, das doch in so vieler Hinsicht rückständig war, fügte Onkel Theodor hinzu. Im Geiste verfluchte ich sie beide, weil sie vermutlich recht hatten, aber ich konnte auch nicht den Rest des Tages damit zubringen, hier wie ein vergessenes Gepäckstück herumzustehen.
   Entschlossen schob ich mich wieder in die Menge. Ein junger Mann in leicht verschlissener Kleidung, dessen Kappe schräg auf seinem Kopf saß, grinste mich breit an. Für einen winzigen Moment schöpfte ich Hoffnung und sah ihm erwartungsvoll ins Gesicht. Sogleich stand er an meiner Seite, hatte meinen Arm ergriffen, wobei er unverständliche Worte murmelte. Ob er ein Diener der Wolgorins war oder meine Lage völlig missverstand, vermochte ich nicht zu erkennen. Er zerrte mich näher an sich heran, und als er wieder zu reden begann, wehte mir Schnapsgeruch entgegen. Ich versuchte, mich loszureißen, aber sein Griff blieb hartnäckig, während er weiter auf mich einredete.
   »Was erlauben Sie (...)

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